Colearning Spaces

Gesellige Orte des Lernens

Der physische Raum fördert Begegnung. In unserer Vision sprechen wir von geselligen Orten. Hier greifen wir auf einen Begriff von Ivan Illich zurück. Illich unterscheidet zwischen manipulativen Institutionen (wie klassische Schulen), die Menschen zu passiven Konsumenten von Lehrplänen machen, und konvivialen (geselligen) Orten.

Ein geselliger Ort des Lernens ist eine offene Werkstatt, eine Bibliothek, ein Marktplatz im Quartierzentrum oder ein Park: Der Ort schreibt dir nicht vor, was du tun sollst. Er ermächtigt dich.

Ein guter Colearning Space zeichnet sich durch drei Eigenschaften aus:

  • Zugänglichkeit: Keine Hürden durch Zeugnisse oder Alter. Der Ort ist offen für alle, die etwas tun und lernen wollen (“Zugang vor Effizienz”).
  • Gestaltbarkeit: Der Raum ist nicht statisch fertig. Die Colearner:innen können ihn verändern, Möbel verstellen, Wände bemalen, Werkzeuge nutzen. Wir sind nicht Insassen des Raumes, sondern seine Gestalter. Überall gibt es Materialien, die keine feste Funktion haben, sondern zum Spielen und zur Kreativität einladen (Affordanz).
  • Begegnungen: Die Architektur stiftet Gemeinschaft: Sie schafft durchlässige Zonen, die zufällige Begegnungen sowie den Austausch zwischen Generationen und Tätigkeitsfeldern unvermeidbar machen.

Solche Orte werden zu Gewächshäuser für Autonomie, die dazu einladen, den Schritt vom Konsum in die eigene Gestaltung zu vollziehen.

Fruchtbarer Boden: Andocken statt neu bauen

Wir müssen keine neuen “Kathedralen des Lernens” bauen. Ein isolierter Colearning Space, der alles selbst hervorbringen muss, hat es schwer. Doch unsere Städte und Dörfer sind voll von Orten, an denen das Leben bereits pulsiert – wir nennen das fruchtbaren Boden.

Die Strategie von Colearning ist nicht Isolation, sondern Andocken. Wir begeben uns an Orte, die "Abwärme" produzieren. Mit "Abwärme" meinen wir echtes Leben, echte Arbeit und echte Probleme, die dort ohnehin stattfinden. Colearning schaltet sich als etwas Beiläufiges in diese Prozesse ein: Wir nutzen die vorhandene Infrastruktur, die Maschinen und die Experten, um Lernen als Nebenprodukt zu ermöglichen.

Lernlandkarte: Dörfer und Städte erschliessen

Der Weg beginnt mit dem, was wir bereits in der Umgebung haben. Am besten begibt man sich mit ganz unterschiedlichen Personen aus allen Altersstufen auf eine neugierige Schatzsuche (“Asset Mapping”):

Wo passiert etwas Interessantes? Wo sind Kuriositäten und Besonderheiten? Wo gibt es Abwärme? Wo hat es ungenutzte Infrastruktur? Wo gibt es Lücken, wo fehlt der lokalen Gemeinschaft etwas? Wo sind spannende Personen, die man in ihrer Profession begleiten könnte (“Observing”)? Wo könnten wir etwas beitragen (“Pitching in”)?

Der Architekt Danish Kurani nennt diesen Prozess die Identifikation von “Community Assets”. Für ihn ist der physische Raum nur dann wirksam, wenn er die bereits vorhandenen, oft verborgenen Schätze – Talente, Werkzeuge oder ungenutzte Räume – einer Nachbarschaft aktiviert, statt sie zu ignorieren.

Ideale Andockstellen für diese Schatzsuche sind:

  • Coworking Spaces: Hier sind die Infrastruktur und die Arbeitswelt schon vor Ort. Wir können die radikale Altersmischung und das bewusste Lernen hineinbringen. → Geschichte: Colearning Bern
  • Museen & Bibliotheken: Orte des Wissens, die sich von Archiven zu lebendigen Dritten Orten wandeln können.
  • Generationenhäuser & Vereine: Hier warten Erfahrung und Zeit auf die Neugier der Jugend. Bestehende soziale Netzwerke, die durch neue Lernformate belebt werden können.
  • KMUs & Werkstätten: Echte Maschinen und echte Profis sind die beste Lernumgebung.
  • Markt im Dorf oder Quartier: Auf dem Markt kann man selbst etwas anbieten oder Leute finden, von denen man gerne lernen möchte.

Daraus entstehen Lernlandkarten (ein Begriff, der in der Initiative “Urbane Dörfer” geprägt wurde). Wir erstellen eine physische oder digitale Karte, die diese Orte sichtbar macht und verbindet. So verwandelt sich das Dorf oder das Quartier von einer Ansammlung isolierter Gebäude in ein zusammenhängendes Ökosystem, in dem Lernen überall möglich ist.

Wir bringen Colearning an alle möglichen und unerwarteten Orte. Colearning soll keine abgetrennten Inseln, sondern verbinden Welten und öffnen Türen für eine neue Lebens-, Arbeits- und Lernkultur.

Weiterführende Literatur & Quellen

  • Ivan Illich: Tools for Conviviality (über den Unterschied zwischen industriellen und geselligen Werkzeugen).
  • Ivan Illich: Entschulung der Gesellschaft (Kritik an der Institutionalisierung des Lernens).
  • Urbane Dörfer: Lernlandkarten (Konzept zur Visualisierung von Lernorten im Quartier).
  • Danish Kurani: Community-Driven Design und das Konzept des Asset Mappings (über die Gestaltung von Lernräumen, die lokale Ressourcen aktivieren, statt sie zu isolieren; vgl. kurani.us).
  • Loris Malaguzzi: Das Konzept des „Raums als dritten Erzieher“ aus der Reggio-Pädagogik.
  • James J. Gibson: The Theory of Affordances (Umweltpsychologie).