YOLU ist ein neu gegründetes Unternehmen, das die Colearning-Prinzipien in die Berufsbildung überträgt. Mehrere kleine Firmen aus der Effinger-Community haben sich zusammengeschlossen, um unter dem Dach von YOLU, Lernenden eine unternehmerische, selbstgesteuerte Berufsausbildung im Bereich Mediamatik (Informatik/Medien) zu ermöglichen. Das Ergebnis sind Junior-Teams, die wie interne Start-ups operieren und reale Kundenaufträge ausführen – von Webdesign über Videoproduktion bis zum Aufbau und dem Betrieb eines eigenen Video-Podcast-Studios. In vielen Ausbildungsbetrieben werden die Lernenden bei Kundenaufträgen nur mit kleinen Teilaufgaben betraut und werden häufig von den Kunden und dem Markt abgeschirmt. Bei YOLU sind sie ganz zuvorderst und führen Projekte von A, wie Akquise, bis Z, wie Zahlung, selbst aus. Natürlich ist dies nur möglich, weil sie in einer Community (Stamm) eingebettet sind und jederzeit Zugang zu erfahrenen Juniors und Seniors mit viel Lebens- und Arbeitserfahrung haben.
Herausforderung
Die Umsetzung einer solch neuartigen Ausbildung bringt diverse Hürden mit sich. Institutionell muss YOLU die formalen Anforderungen der Berufsbildung in der Schweiz erfüllen und zugleich die Flexibilität von Colearning bewahren. Das bedeutet, dass mehrere Unternehmen, Partnerbetriebe und Fachexperte:innen koordiniert die Rolle von Ausbildungsbetrieben übernehmen – ein Novum, das sowohl Abstimmung mit Behörden als auch grosses Vertrauen aller Beteiligten erfordert. Alle sind gefordert, zusammen einen möglichst grossen Raum für Selbstbestimmung der Juniors zu halten. Für die Juniors selbst bedeutet dieser Weg mehr Freiheit und mehr Verantwortung: Ohne einen einzigen festen Ausbildner, der jeden Schritt vorgibt, müssen sie zu aktiven Gestalter:innen ihres Ausbildungsweges werden. Das erweist sich besonders dann als herausfordernd, wenn die Fähigkeiten zu kreativem Problemlösen und zur Übernahme von Verantwortung durch viele Jahre in einer Schule verkümmert sind.
Lösung
YOLU wurde mit klaren Absprachen und viel Gemeinschaftsgeist umgesetzt. Ein paar Unternehmer aus der Community schlossen sich zusammen, suchten Kompliz:innen und Partnerbetriebe. YOLU wurde als Unternehmen in Steward Ownership (Verantwortungseigentum) gegründet, so dass Juniors nach einer Bewährungsphase mit den anderen zusammen das Steuerrad von YOLU übernehmen können. Das YOLU-Team organisiert sich weitgehend agil: In Stand-up-Meetings werden Fortschritte besprochen und Rollen definiert. Wie im Colearning üblich, sind alle Juniors in einem regelmässigen 1:1-Mentoring. Alle erhalten 20% ihrer Arbeitszeit zur freien Verfügung für eigene Lernprojekte und zur Pflege ihres öffentlichen Portfolios (Lilo.page). So werden die Projekte und das Lernen sichtbar – sowohl für die Juniors selbst als auch für die Community. Ausserdem entstehen so Artefakte für das Entwickeln von lebenslangen “Portfolio-Karrieren”, was häufig wertvoller und aussagekräftiger ist als Schulzeugnisse oder Zertifikate. Zentral ist, dass die Juniors lernen, Unternehmer:innen im eigenen Lernprozess zu sein, also proaktive “CEOs” der eigenen Bildungsbiografie. Ein Mentor beschrieb es so: “Lernunternehmer:innen warten nicht auf Aufgaben, sondern suchen aktiv nach relevanten Problemen, die es zu lösen gilt.” Genau das tun die Junior-Mediamatiker:innen bei YOLU: Wenn gerade kein externer Kundenauftrag ansteht, definieren sie eigene Projekte und machen sich in der Community oder bei Partnerbetrieben nützlich.
Wirkung
Das Resultat dieser neuen Berufsausbildung ist beeindruckend. Für die Jugendlichen verwandelt sich die Ausbildung von einer fremdgesteuerten Pflicht in ein Abenteuer der Selbstentfaltung. Sie übernehmen Verantwortung für sich, für andere und für das gemeinsame Unternehmen. Sie berichten, dass sie in kurzer Zeit enormes Selbstvertrauen gewinnen – man nimmt sie im Arbeitsalltag als gleichwertige Kolleg:innen wahr, ihre Ideen zählten wirklich. Einer der Juniors meinte: “In der Schule hätte ich nie gelernt, ein Meeting mit Kunden zu leiten. Hier habe ich es in drei Monaten drauf gehabt." Tatsächlich übernimmt das YOLU-Team eigenständig Kundenprojekte und wickelt sie erfolgreich ab. Juniors erleben Misserfolge und Erfolge: zufriedene Kunden und ab und zu unzufriedene, eine geglückte Podcast-Produktion, eine live geschaltete Website – unmittelbare Wirkungen. Das steigert die Motivation und ist ein natürlicher Lernturbo.
Für die Partnerunternehmen zahlt sich die Mitwirkung ebenfalls aus: Sie bekommen Zugang zu engagierten Nachwuchstalenten, ohne dass eine Firma allein die volle Verantwortung und Administration für die Ausbildung tragen muss. Zudem bringen die Juniors frischen Wind und neue Perspektiven in die Betriebe.
Auf Systemebene erregt diese Geschichte auch Aufmerksamkeit von Bildungsinnovator:innen und Politik: YOLU demonstriert eine Lösung, wie sich Berufsbildung mit Prinzipien von Unternehmertum und selbstgesteuerten Lernen verzahnen lässt. Und das in einer äusserst hohen Flexibilität, die auch jungen Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Bedürfnissen (z.B. Neurodiversität, Schultrauma, etc.) einen soliden Ausbildungsweg ermöglicht. Zudem reagiert ein angespannter Arbeitsmarkt sehr positiv auf diese Karrierewege, während normierte Abschlüsse zur Massenware verkommen und an Relevanz verlieren. Wer möchte, kann trotzdem anerkannte Abschlüsse erlangen – und entwickelt gleichzeitig Kompetenzen weit jenseits eines Lehrplans (Entrepreneurship, Teamführung, Selbstreflexion).
Das führt zu einer zentralen Erkenntnis: Potenzialentfaltung schlägt Normerfüllung. Wenn man jungen Menschen Räume gibt, ihr Potenzial in realen Aufgaben auszuprobieren, erfüllen sie die erforderlichen Normen (Prüfungen, Abschlüsse) quasi nebenbei – oft sogar besser als im traditionellen Pfad. YOLU und Lernunternehmen untermauern somit die Vision einer dynamik-robusten Bildung: junge Menschen werden befähigt, unvorhergesehene Herausforderungen in einer dynamischen Welt zu meistern, weil sie bereits in der Ausbildung gelernt haben, autonom zu handeln und in Netzwerken zu denken.
Was können andere mitnehmen?
YOLU zeigt, dass auch im regulierten Feld der Berufsbildung Innovationsspielraum (und Innovationsbedarf) ist. Anstatt an bestehenden Strukturen zu verzweifeln, kann man Verbundlösungen schaffen: Warum nicht mehrere kleine Betriebe, Coworking Spaces oder öffentliche Einrichtungen zusammenbringen, um gemeinsam Ausbildungsphasen zu stemmen? Wichtig ist, Netzwerk-Infrastruktur bereitzustellen (Aufgaben-Pool, Mentor:innen-Pool, Gemeinschaftstreffen) und die formalen Stellen wenn möglich einbinden – dann lässt sich auch ein offizieller Lehrgang umgestalten. Ausserdem ist es entscheidend, Lernfortschritte und Projekt-Ergebnisse sichtbar zu machen, statt in Noten und Zwischenprüfungen zu denken. Transparenz über tatsächliche Fähigkeiten (z.B. via eine Portfolio-Website und digitale Badges) überzeugt am Ende auch Arbeitgeber und Schulen oder helfen beim Aufbau einer eigenen Selbständigkeit. So wird deutlich: Was zählt, ist nicht das Abarbeiten eines Curriculums, sondern die anschlussfähige Kompetenz, die jemand in echten Projekten aufbaut und gegen Aussen sichtbar macht.