Die Pilzfarm

Die Pilzfarm

Eine Pilzzucht mitten in der Stadt - das erste Lernunternehmen

Bern, Schweiz Seit 2021

Die Pilzfarm Bern war das erste Lernunternehmen von Colearning Bern. Ein radikal altersgemischtes Team (10 bis 77 Jahre) baut im Keller des Coworking Spaces, mitten in der Stadt, eine Farm für Speisepilze. Als Rohstoff dient gebrauchter Kaffeesatz aus der Kaffeebar, vermischt mit Sägemehl – aus Abfall wird Wert. Das Ziel ist, nachhaltig Edelpilze zu züchten und zu verkaufen. Damit schaffen die Beteiligten ein authentisches Lernlabor: Niemand im Team ist Pilzzucht-Experte; man lernt alles gemeinsam von Grund auf, durch die praktische Gründung und Führung eines realen Unternehmens. Echte Verantwortung steht von Anfang an auf dem Plan, mit echtem Risiko und echtem Feedback. So wird schnell klar, was zuvor abstrakt klang: Wenn die Feuchtigkeit nicht stimmt, sterben die Pilze. Wenn niemand Marketing macht, kauft niemand unsere Produkte. Es gibt keinen Lehrer, keine Noten – die Realität gibt direktes Feedback.

Jagd: Die Krise bei der Pilzernte

Zunächst läuft alles nach Plan. Die ersten Pilze wachsen, die Motivation ist hoch. Doch nach einigen Monaten schlägt die Realität zu: Die Ernte bricht ein, Schimmel bedroht die Pilzkulturen. Mit einem Mal reicht das blosse “Zuschauen und Mitmachen” (LOPI) nicht mehr aus. Eine ernste Krise mit echtem finanziellen und materiellen Druck. Die Natur als unbestechliche Feedback-Geberin stellte das Team vor die Frage: Geben wir auf oder wachsen wir an der Herausforderung?

Lagerfeuer: Die Wendung

Die Krise erzeugt einen massiven Pull-Effekt für abstraktes Wissen (statt dass vorher etwas „auf Vorrat“ gepusht wurde). Plötzlich müssen alle über Pilzsporen, Hygiene und Mikroklima lernen – und zwar sofort. Biologie, Chemie, Physik werden im Eiltempo angeeignet, weil das Überleben der Pilzzucht davon abhängt. Ein externer Biologe und Pilzexperte wird als Komplize hinzugezogen, um bei der Analyse zu helfen. In gemeinsamen Lagerfeuer-Runden wird neues Wissen diskutiert und direkt praktisch angewendet: Das Team installiert zusätzliche Sensoren, passt die Lüftung an, ändert das Substrat. Dieser “Just-in-Time”-Lernprozess rettet die Produktion.

Beute

Die Bewältigung der Krise beschert den Colearner:innen einen enormen Kompetenzschub. Innerhalb weniger Wochen lernen alle Beteiligten weit mehr, als ein monatelanger Kurs je vermittelt hätte. Sie haben z.B. wissenschaftlich gearbeitet (Daten erhoben, pH-Werte gemessen, externe Fachliteratur konsultiert), organisatorisch dazugelernt (Notfall-Meetings einberufen, Entscheidungsstrukturen klären, Aufgaben neu verteilen) und unternehmerisch gehandelt (Kund:innen informieren, Produkte anpassen, Marketingstrategien justieren). Auch soziales Lernen fand intensiv statt: Jung und Alt feilen gemeinsam an Lösungen, niemand wurde ausgeschlossen – im Gegenteil, jede Fähigkeit findet irgendwo Einsatz. Am Ende ist sich das Team einig: Selbst wenn die Pilzfarm als Unternehmen scheitern sollte, war das Lernen bereits ein Erfolg. Der Lerngewinn ist so überwältigend, dass das Projekt eigentlich gar nicht mehr scheitern kann. Tatsächlich gelingt es in der Folge, die Pilzfarm nicht nur zu stabilisieren, sondern immer wieder Pilze zu ernten, Pilzboxen für Zuhause zu produzieren und an begeisterte Kunden zu verkaufen. Das Lernunternehmen lebt also weiter – und hat doppelten Ertrag gebracht: finanziellen Gewinn und unschätzbare gemeinsame Lernerfahrungen.

Nachmachen

Das Konzept der Pilzfarm lässt sich prinzipiell auch in anderen Kontexten umsetzen. Pilze wachsen auf verschiedensten organischen Abfällen, ob in der Stadt oder auf dem Land. Hier verbinden sich Kreislaufwirtschaft und Bildung ideal. Wer ein ähnliches Lernunternehmen starten möchte, darf auf Vorbilder wie die Pilzfarm Bern zurückgreifen – das Team teilt seine Erfahrungen gern mit Interessierten.

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