Colearning Bern

Colearning Bern

Vom Experimentierfeld zur Colearning-Bewegung

Bern, Schweiz Seit 2019

Im Jahr 2019 startet im Effinger, einem Coworking Space in Bern, ein Experiment: Colearning Bern – ein Treffpunkt, an dem Arbeiten und Lernen verschmelzen. Wer an einem gewöhnlichen Tag durch den Effinger spaziert, sieht zunächst nichts Ungewöhnliches: Menschen arbeiten an Laptops, diskutieren, trinken Kaffee. Doch mittendrin befinden sich auch Lernende, Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Sie sitzen nicht in separaten Schulzimmern, sondern arbeiten an eigenen Fragen und Projekten – mitten in der Coworking-Community.

Colearning Bern war von Anfang an getragen von der Vision: «Wir bringen die Arbeits- und die Lernwelt zusammen. Wir schaffen einen Raum, in dem sich Menschen jeden Alters in sinnvoller Arbeit und neugierigem Lernen begegnen.»

So entsteht ein durchlässiger Ort, an dem Lernen und Arbeiten nicht mehr als Gegensätze erscheinen, sondern als zwei Ausdrucksformen eines aktiven, selbstbestimmten Lebens.

Die Herausforderung

Einen solchen Raum zu schaffen bedeutete Neuland. Weder gab es ein fertiges Konzept noch die offizielle Erlaubnis – stattdessen prägten Mut und Experimentierfreude den Start. Die Gründer:innen wollten nicht stehen bleiben beim Denken, sondern ins Handeln kommen. Die zentrale Herausforderung ist kulturell: tradierte Grenzen zu überwinden. Wie verbindet man Jugendliche, die aus der Schule rausgelaufen sind oder gar nie dort waren, mit Erwachsenen, die sich aufmachen, nach neuen Formen von Arbeit und Lernen zu suchen? Wie entsteht eine Community ohne die üblichen Hierarchien von Lehrenden und Lernenden? Und würde ein Coworking Space es überhaupt zulassen, dass Kinder und Jugendliche Teil des Arbeitsalltags werden?

Lösung: Stamm → Jagd → Lagerfeuer

Colearning Bern begann als lebendiges Experiment, das bis heute (Anfang 2026) weiter wächst. Getragen von der Devise “Einfach anfangen!” wurden Räume geöffnet, Strukturen gelockert und Menschen aller Altersgruppen eingeladen mitzuwirken. Der Stamm – das soziale Fundament – ist die bestehende Effinger-Coworking-Community: eine offene Gemeinschaft von Selbständigen, Kreativen und Teams mit Offenheit gegenüber neuen Ideen. Dieser “fruchtbare Boden” erweist sich als entscheidend: Ein pulsierender sozialer Raum erleichtert den Start enorm. Die Coworker:innen vertrauen ins Ausprobieren und sind bereit, Verantwortung zu teilen. So werden jugendliche Colearner:innen von Anfang an als vollwertige Mitglieder aufgenommen, anstatt als Fremdkörper betrachtet zu werden. Sie arbeiten an eigenen Projekten auf Augenhöhe mit Erwachsenen – ob beim Programmieren, Videos drehen, Handwerken oder Organisieren. Erwachsene wiederum treten nicht nur als Mentor:innen auf, sondern machen ihr eigenes Lernen sichtbar und stehen als Partner und Komplizen zur Verfügung.

Vieles entsteht spontan: erste “Lernfelder” werden identifiziert, von Permakultur auf der Terrasse bis zur Medienproduktion im Filmstudio. Ein zentrales Element bilden die gemeinsamen Pausen – mit Kaffee, heisser Schokolade und beim Mittagessen. Diese fühlen sich häufig an wie eine Runde um das Lagerfeuer. Unzählige Gespräche über die Jagd (Arbeit und Lernprojekte) finden statt. Es gibt kaum ein Thema, das nicht besprochen wird. Sogar 14-Jährige Jugendliche fangen an, sich für Themen wie Altersvorsorge zu interessieren, wenn das bei Erwachsenen halt gerade aktuell ist.

Der entscheidende Mechanismus in Bern ist nicht ein starres Programm, sondern die Durchlässigkeit von Raum und Kultur: Lernen findet mitten in der Arbeitsrealität statt, weil Begegnung architektonisch und kulturell möglich ist. Colearning Bern vereinte damit exemplarisch die Elemente Stamm–Jagd–Lagerfeuer in einem Setting: Ein gemeinschaftlicher Stamm (Coworking-Community) bildet den Boden, echte Projekte und Verantwortungen treiben die Jagd, und reflektierende Lagerfeuer-Runden sorgen für Sinnkopplung und Kurskorrektur. Für Reflexion und Verdichtung werden Routinen etabliert: tägliche Check-ins, kurze Mentoring-Gespräche sowie regelmässige Schatzhebungs-Events zu denen auch Coworker:innen und Gäste eingeladen sind. Diese Rituale verankern das Lernen sozial und sorgen für Sichtbarkeit.

Colearning Bern entwickelt sich so Schritt für Schritt, getragen von der Devise: “Wir haben es einfach getan. Und wir tun es immer noch. Denn: Wir lernen noch!

Wirkung & Validierung: Die Vielfalt der Wege

Was als Experiment begann, hat sich als hochwirksamer Inkubator für Lebenswege erwiesen. Die Biografien, die aus Colearning Bern hervorgehen, zeichnen sich durch grosse Vielfalt und Anschlussfähigkeit aus.

Es zeigt sich, dass die hier erworbenen Kompetenzen – Selbststeuerung, Problemlösung und Netzwerken – in fast jedem Feld gefragt sind. Die Colearner:innen decken heute ein breites Spektrum an Karrierewegen ab:

  • Handwerk & Praxis: Einige finden, häufig dank dem spannenden Projektportfolio, klassische Lehrstellen. Sie absolvieren Berufslehren von Winzer über Mediamatiker und Bibliothekar bis zum Velomechaniker.
  • Technologie & Medien: Andere starten Karrieren im digitalen Bereich – erste Erfahrungen im Effinger führen zu Ausbildungen und Jobs als Informatiker oder Videoproduzenten.
  • Akademische Anschlüsse: Für manche führt der Weg zurück in formale Bildung – sei es an einer Maturitätsschule, einer Fachhochschule oder Universität. Abschlüsse werden erlangt, konventionell oder manchmal auch auf unkonventionellem Pfad. Zum Beispiel die Matura im Selbststudium oder ein Remote-Abschluss einer Amerikanischen High School sind mit dabei.
  • Quereinstieg & Transformation: Colearning ermöglicht auch radikale Neuanfänge. So wechselt zum Beispiel eine ausgebildete Pflegefachperson in Richtung Illustration & Grafik, eine Fotografin in die Videoproduktion oder ein Detailhandelsangestellter in die Personal- und Organisationsentwicklung.
  • Unternehmertum & Führung: Viele Colearning-Alumnis gründen eigene Unternehmen (in Kunst, Tech oder Dienstleistung), machen sich als Coaches selbstständig oder übernehmen Führungsverantwortung in der Team- und Lernentwicklung grösserer Institutionen.
  • Persönlichkeitsentwicklung & Life Design: Colearning schafft die Möglichkeit, sich bis ins hohe Alter mit Lebensfragen und persönlichen Projekten zu befassen und diese in Austausch zu bringen (Lebenslanges Lernen).

Diese Fülle an Wegen zeigt: Colearning produziert keine normierten Lebensläufe, sondern resiliente Persönlichkeiten, die ihren Platz in der Welt finden und ein Leben lang als Lernende weiterwachsen.

Lessons Learned

Aus der Geschichte von Colearning Bern lassen sich einige Schlüsse ziehen:

  1. Der Ort ist wichtig: Ein bereits lebendiger sozialer Raum – ein “fruchtbarer Boden” – erleichtert es enorm, mit Colearning zu starten.
  2. Haltung vor Konzept: Eine Kultur des Vertrauens und Loslassen, in der Menschen autonom experimentieren dürfen, trägt weiter als jeder starre Plan. Statt Kontrolle gab es im Colearning Bern Selbstorganisation: Entscheidungen wurden gemeinsam getroffen (orientiert an soziokratischen Prinzipien) und Rollen flexibel verteilt.
  3. Lernen ist Beziehung: Von Anfang an war das Miteinander der Generationen zentral. Junge wie Ältere lernen voneinander, miteinander und nebeneinander, ganz im LOPI-Prinzip.
  4. Herausforderung Selbstlernen: Es bleibt eine Herausforderung, auch Erwachsene wieder für ein Lernen zu ermutigen, das intrinsisch motiviert ist, selbstbestimmt geschieht und in Eigenverantwortung abläuft.
  5. Unabhängigkeit und schlanke Strukturen: Das Colearning Bern ging nicht auf die Suche nach externen Geldgebern. Das half den Fokus und die Unabhängigkeit zu wahren. Das Fehlen von Budget zwang zu Innovation: Einerseits waren alle, von Jung bis Alt, gefordert, beizutragen und weiterzugeben. Andererseits wurde beiläufiges Lernen erschlossen, das überall stattfinden kann und kaum Kosten verursacht. Niemand wurde als Betreuer oder Lehrer angestellt. Alle sind mitten in ihrer eigenen Profession geblieben, haben jedoch ihre Arbeit und ihr Netzwerk geöffnet, damit Colearning Raum finden kann. Im Colearning Bern wird auch von “Perpetuum Mobile” gesprochen, weil sich das beiläufige Lernen selbst nährt und vervielfältigt.
  6. Einfach machen!: Kleine Erfolge und sichtbare Lernmomente überzeugen Skeptiker mehr als jede Theorie. Colearning Bern hat Pionierarbeit geleistet – und damit den Weg bereitet für weitere Experimente in der Schweiz und im Ausland, von neuen Colearning Spaces bis hin zu Lerngemeinschaften in Wohnsiedlungen.

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