JAGD: Tun & Verantwortung

Kernsatz: “Ich werde gebraucht.”

Die Jagd ist das Herzstück der Kompetenzentwicklung. Bei der Jagd verlassen wir den geschützten Raum des Stammes und setzen uns der Realität aus. Wir simulieren nichts. Wir arbeiten an echten Herausforderungen, mit echtem Risiko und mit echtem Resultat.

Dabei unterscheiden wir nicht zwischen Arbeit und Spiel. Die Jagd ist “ernsthaftes Spiel” (Deep Play). Ob ein Kind stundenlang einen Staudamm baut oder ein Erwachsener ein Malergeschäft eröffnet: Beide befinden sich in einem Zustand höchster Konzentration. Beide gehen Risiken ein. Beide wollen ein Ergebnis erzielen.

Lernen ist dabei die unvermeidliche Konsequenz des Tuns.

Realität als Feedback

In künstlichen Lernumgebungen sind Fehler eine abstrakte Bewertung. In der Jagd ist das Scheitern ein gebrochener Staudamm, ein unzufriedener Kunde oder ein versalzenes Essen. Dieses Feedback der Realität ist unmittelbar und unbestechlich. Die Jagd produziert zwei Dinge:

  • Beute (Erfolg, Ertrag, Nutzen) und
  • Lernschätze (Erkenntnisse aus Gelingen und Scheitern).

Beides ist essentiell, um souveräne Gestalter:innen zu werden. Wir lernen hier nicht „auf Vorrat“ (Just-in-Case), sondern weil die Situation es erfordert (Just-in-Time).

Das Ende der Rucksack-Metapher: Wir müssen uns von der Idee verabschieden, dass wir Kindern einen “Rucksack voller Wissen” für die Reise des Lebens packen können. Wissen ist kein Proviant, der gespeichert wird. In einer digitalen Welt ist der Rucksack leer, denn Wissen entsteht erst im Moment der Anwendung – als Handlung, als Vernetzung, als Zugriff auf Informationen genau dann, wenn man sie braucht. Wer versucht, Vorräte für eine unvorhersehbare Reise zu schleppen, wird nur langsam und unflexibel. Wir reisen mit leichtem Gepäck und der Fähigkeit, uns vor Ort zu versorgen.

Zugang vor Effizienz

In der professionellen Welt wird oft auf Effizienz und maximale Geschwindigkeit optimiert. Das schliesst Lernende aus. Im Colearning drehen wir die Logik um: Wir investieren bewusst in Zugänglichkeit. Wir bezahlen Expert:innen nicht dafür, dass sie “Lehrer spielen”, sondern dass sie ihre echte Arbeit so gestalten, dass sie für andere zugänglich wird. Sie machen ihre Prozesse und Überlegungen sichtbar und drosseln ihr Tempo dort, wo es nötig ist, damit andere andocken können.

Legitimes Belauschen & beiläufiges Lernen

Häufig finden wichtige Handlungen und Gespräche hinter verschlossenen Türen statt. Im Colearning nutzen wir das Prinzip des legitimen Belauschens: Wir führen fachliche Diskussionen, Krisengespräche oder Verhandlungen in offenen Zonen und wir ermöglichen das “in der Nähe sein”, wenn Profis am Werk sind. Das ist natürlich nicht immer möglich oder manchmal zu gefährlich. Aber wenn möglich, öffnen wir die Türen.

Lernende schnappen Fachbegriffe, Tonfälle, Handlungsabläufe und Problemlösungsstrategien aus der Luft auf, ohne direkt belehrt zu werden. Dieses beiläufige Lernen (incidental learning) überträgt das implizite Wissen einer Profession – das, was man nicht erklären, sondern nur erleben kann.

KI als digitaler Komplize

Auf der Jagd ist die KI ein aktiver Komplize. Sie übernimmt Rollen, die im Projektteam gerade fehlen: Sie ist Sparringspartner für Strategien, unterstützt beim schnellen Prototyping von Code oder generiert Entwürfe. Colearner:innen lernen hierbei eine neue Kulturtechnik: Die KI so zu führen, dass sie echten Wert für das Team schafft.

Das Ziel ist nicht, das Denken auszulagern, sondern die eigene Handlungsfähigkeit im Ernstfall zu erweitern. In einer Ära mit KI-Agenten auf Knopfdruck wird die Konfrontation mit komplexen Problemen zur wichtigen Ressource für das Lernen. Davon gibt es wenig in standardisierten Lernsettings und zum Glück im Überfluss draussen auf der Jagd oder beim Spiel in der echten, wilden Welt.

Typische Werkzeuge in der Jagd

  • Lernunternehmen: Dies ist unser wichtigstes Vehikel für die Jagd. Wir gründen echte Firmen oder starten Projekte, um Lernen mit wirtschaftlicher Realität zu verknüpfen. Das Lernunternehmen liefert den Kontext für "Ernsthaftigkeit".
  • KI als Komplize: Wir nutzen generative KI-Tools direkt im Arbeitsprozess, um unsere Handlungsfähigkeit zu erweitern (siehe Futurability).

Anti-Patterns: Wenn die Jagd zum Selbstzweck wird

Die Jagd braucht echte Reibung, aber keinen destruktiven Druck.

Anti-Pattern Beschreibung Check / Gegenmittel
Sandkasten Wir spielen nur „Business“. Das Geld ist Spielgeld und Scheitern hat keine echten Konsequenzen. Check: Gibt es echte Konsequenzen beim Scheitern?
Action: Externe Kunden („Komplizen“) gewinnen, die keine Rücksicht auf „Schonräume“ nehmen.
Auftragsfabrik Der wirtschaftliche Druck wird zu gross. Nur noch Effizienz und Output zählen. Fragen und Lernen werden als „Störung“ des Betriebsablaufs empfunden. Check: Gibt es wöchentliche Zeitfenster für Reflexion? Findet Spiel statt?
Action: Tempo drosseln und das Prinzip „Zugang vor Effizienz“ neu verhandeln.
Held:innenmodus Eine erfahrene Person (meist Gründer:innen) reisst alles an sich und rettet Projekte heimlich, bevor sie scheitern. Check: Dürfen Projekte auch mal „krachend gegen die Wand fahren“?
Action: Bewusstes „Unterlassen von Hilfeleistung“ üben, um Lernenden ihr Ding zu lassen.

Weiterführende Literatur & Quellen

  • Christoph Schmitt: Wissen trägt nicht. Und wir sollten aufhören, es zu schleppen. (Blogpost auf learnflow.city vom 29.07.2025).
  • Peter Gray: Free to Learn (Die evolutionäre Perspektive, warum Jäger-Sammler keinen Unterschied zwischen Arbeit und Spiel machten und warum das Spiel für Kinder der Ernstfall des Lernens ist).
  • Mihaly Csikszentmihalyi: Flow (Über den Zustand höchster Konzentration und das völlige Aufgehen im Tun, der Arbeit und Spiel verbindet).
  • Diane Ackerman: Deep Play (Eine Untersuchung der menschlichen Fähigkeit, sich spielerisch und intensiv mit der Welt zu verbinden – als Quelle von Kreativität und Sinn).
  • Nassim Nicholas Taleb: Antifragilität & Skin in the Game (Das Konzept, dass Systeme und Menschen nur lernen, wenn sie echte Risiken eingehen und die Konsequenzen ihres Handelns spüren).
  • Marco Jakob: Schule in der Taylorwanne.
  • Gerhard Wohland: Denkwerkzeuge für Höchstleister (Dynamikrobustheit).
  • Barbara Rogoff: The Cultural Nature of Human Development (Wissenschaftliche Grundlage für LOPI – Learning by Observing and Pitching In – und wie Kinder durch echte Teilhabe lernen) .
  • Paradies & Rogoff: Side by Side: Learning by Observing and Pitching In (Ursprung des Konzepts in Jäger-Sammler-Kulturen; beschreiben wie in Peru oder Mexiko Erwachsene bewusst Geschichten erzählen, wenn Kinder scheinbar schlafen oder anwesend sind).
  • Jean Lave & Etienne Wenger: Situated Learning: Legitimate Peripheral Participation (Das Konzept des Lernens durch blosses Dabeisein am Rand einer Community).
  • Ethan Mollick: Co-Intelligence (Wie Künstliche Intelligenz als aktiver Partner und Komplize im Arbeitsprozess genutzt werden kann).
  • Marc Watkins: What Agency Means in the Era of Automation (Plädoyer für menschliche Handlungsfähigkeit in einer Welt der reibungslosen Automatisierung).
  • Stefan Bauschard: Education Disrupted: Teaching and Learning in An AI World (Untersuchung der radikalen KI-Beschleunigung, die traditionelle Bildungswege in Frage stellt und eine Neuausrichtung auf volatile Arbeitsmärkte und handwerkliche Resilienz fordert).
  • Nassim Nicholas Taleb: Antifragilität (Skin in the Game und die Notwendigkeit von Stressoren).