Den Schleier lüften
Fairness und Balance beim Verteilen der Beute

Wenn Lernunternehmen finanziell erfolgreich sind (“Beute machen”), steht der Stamm vor der schwierigen Frage: Wie verteilen wir das Geld (“die Beute”)? In einer kollaborativen Umgebung ist Erfolg nie das Ergebnis einer Einzelleistung. Dass ein Projekt gelingt, liegt an der Atmosphäre im Space, am Netzwerk des Stammes, an der geputzten Kaffeemaschine und am entscheidenden Wissen, das jemand mal eben geteilt hat.
Grundsätzlich hat der Stamm als Oikos die Aufgabe, dass alle versorgt sind und sagen können: “Ich habe genug.”
Das “Genug” ist jedoch kein stabiler Zustand. Die Mitwirkung im Stamm und auf der Jagd und die Beteiligung am Erfolg müssen immer wieder neu ausgehandelt und in Balance gebracht werden. Wir nutzen dazu das soziokulturelle Werkzeug des "Schleier der Beteiligung".
Ritual: Schleier lüften und wieder schliessen

- Den Schleier lüften (Transparenz): In regelmässigen Abständen (z.B. monatlich oder nach Projektabschluss) machen wir die Finanzen radikal transparent ("Open Books"). Wir setzen uns ans Lagerfeuer und schauen gemeinsam hin: Wer hat was beigetragen? Wer braucht was? Wir verhandeln die Verteilung offen. Das ist oft unbequem, aber es trainiert unsere ökonomische Mündigkeit. Wir suchen Fairness, wissend, dass es die perfekte Gerechtigkeit nicht gibt. Es lohnt sich, auf erfahrene und weise Leute im Umgang mit Arbeit, Geld und Fairness zu hören.
- Den Schleier schliessen (Fokus): Sobald eine Einigung gefunden ist (z.B. ein Verteilschlüssel, Löhne oder Rücklagen für den Stamm), decken wir das Thema Geld bewusst wieder zu. Im Alltag sollten wir uns auf die Arbeit, die Passion und den Sinn konzentrieren, nicht auf den monetären Wert jeder Handbewegung. Wir schützen unseren "Flow" vor der ständigen Quantifizierung – sei es durch Geld oder andere Ziffern.
Dieses Ritual regelt den Fluss der Mittel im Alltag. Doch was passiert, wenn aus einem kleinen Projekt plötzlich ein wachsendes Unternehmen wird? Dann ist es wichtig, dass die gewollten Werte möglichst von Anfang an im Eigentum der Rechtsform verankert sind.
Weiterführende Literatur & Quellen
- John Rawls: Schleier des Nichtwissens (bei Rawls: Gedankenexperiment zur Wahl von Gerechtigkeitsprinzipien vorab, hier: als Metapher für schwer zurechenbare Beiträge in laufender Zusammenarbeit)
- Dark Horse Innovation: Thank God it’s Monday! (Schleier des Nichtwissens als Prinzip für faire Vergütungsregeln trotz Rollen-/Beitrags-Ungewissheit).
- Marco Jakob: Der Schleier der Beteiligung (Adaption von Rawls’ Schleier des Nichtwissens und der Dark-Horse-Vergütungsdebatte).