Innerer Widerspruch: Lernen gegen die eigene Natur

Unser Nervensystem sagt Nein
Lernen ist wie Atmen. Wir müssen aufhören, es als eine Tätigkeit zu betrachten, die man an- und abschalten kann. Lernen ist keine Fähigkeit, die uns erst beigebracht werden muss, sondern eine lebenserhaltende Funktion, die wir vom ersten Moment an beherrschen. Menschen lernen immer – sie können gar nicht anders.
Während 99% der Entwicklungsgeschichte folgte dieses "Atmen" einem natürlichen Rhythmus: Menschen lernten nicht isoliert in geschlossenen Räumen, sondern in altersgemischten Gruppen, mitten im Geschehen. Sie lernten durch aufmerksames Zuschauen, Nachahmen und durch echtes Mitwirken.
Unser Gehirn erwartet diese Bedingungen noch heute. Unser Nervensystem ist auf Zugehörigkeit, Autonomie und Wirksamkeit eingestellt. Dazu gehört untrennbar der biologische Spieltrieb. Das freie Spiel ist kein blosser Zeitvertreib oder eine Pause vom “echten Lernen”, sondern der evolutionäre Hauptmechanismus, mit dem Menschen seit jeher Gefahren simulieren, soziale Regeln aushandeln und emotionale Stabilität entwickeln.
Viele heutige Lernsettings arbeiten gegen unsere biologischen Bedürfnisse: Isolation von der Lebenswelt, starre Taktung, Unterdrückung des Spieltriebs, Ersetzen des freien Spiels durch Anleitung, Jahrgangslogik, Vorratswissen und permanente Bewertung. Kein Wunder, dass so vielen Menschen eine Lern- oder Aufmerksamkeitsstörung attestiert wird. Dabei zeigen diese oft nur eine gesunde Reaktion auf eine falsche Umgebung.

Colearning dreht die Logik um: Wir therapieren nicht die Menschen, sondern die Umgebung. Wir lösen den inneren Widerspruch, indem wir Lernräume schaffen, die zum menschlichen Bauplan passen.
Weiterführende Literatur & Quellen
- Christoph Schmitt: Bitte lernen lassen. Danke. (Blogpost auf learnflow.city vom 23.12.2018).
- Ryan & Deci (2000): Self-Determination Theory (Die psychologischen Grundbedürfnisse: Zugehörigkeit, Autonomie, Wirksamkeit).
- Peter Gray: Free to Learn (Evolutionäre Perspektive: Warum unser genetisches Erbe freies Spiel und Altersmischung erfordert und wie Schulen oft dagegen arbeiten).
- Remo Largo: Schülerjahre (Das „Fit-Prinzip“: Das Kind ist nicht falsch, die Umwelt passt oft nicht zur einzigartigen Entwicklung des Kindes).
- Gerald Hüther: Rettet das Spiel! (Neurobiologische Grundlagen, warum das Gehirn Freiheit und keine Dressur braucht).