Die Ökonomie des Beiläufigen

Warum Bildung günstiger wird, wenn sie mitten im Leben stattfindet.
Colearning senkt Bildungskosten radikal, weil Lernen nicht mehr als isoliertes Produkt hergestellt wird, sondern als Nebenprodukt echter Tätigkeit entsteht. Statt eine Lernwelt zu bauen, docken wir an die bereits vorhandene Welt an.
Wir nutzen damit die “Abwärme des echten Lebens”: Bei jeder realen Tätigkeit (Kochen, Reparieren, Programmieren, Verkaufen, Pflegen) entsteht Wissen, Erfahrung und Problemlösekompetenz. In der segregierten Welt verpufft diese “Abwärme” oft hinter verschlossenen Türen.
Colearning schaltet sich wie ein Wärmetauscher in diese Prozesse und spart damit Energie und Kosten:
- Altersmischung (statt Aufsicht): In segregierten Jahrgangsklassen braucht es bezahlte Aufsicht. In einer radikal altersgemischten Gemeinschaft greift das biologische Prinzip des Allomothering (Fremdfürsorge): Ältere übernehmen Verantwortung für Jüngere; Wissen und Fürsorge fliessen organisch in alle Richtungen. Der Bedarf an professioneller Bespassung und Betreuung sinkt drastisch, je gemischter und stärker die Gemeinschaft ist.
- Beiläufiges Lernen (statt Simulation): In der Schule ist Lernen das Hauptprodukt, das mühsam und mit immer grösserem Aufwand hergestellt werden muss. Im Colearning ist Lernen ein beiläufiges Nebenprodukt von echter Tätigkeit. Wenn wir ein Projekt umsetzen – sei es Kochen, Reparieren oder Programmieren – passiert das Lernen mit. Wir finanzieren nicht die Simulation, sondern ermöglichen Lernen in der Realität.
- Infrastruktur-Sharing (statt Lernfabriken): Wir bauen keine monofunktionalen Lerngebäude. Wir docken an Orte an, die schon da sind und an denen das Leben pulsiert: Werkstätten, Büros, Quartierzentren, Küchen, Coworking Spaces. Wir nutzen Ressourcen, die oft brachliegen, statt etwas Isoliertes neu zu bauen.
Das Ergebnis: Klassische Bildungssysteme werden teurer, je höher der Betreuungsschlüssel und je grösser die Widersprüche zur menschlichen Natur und zur komplexen Welt. Colearning wird günstiger und stabiler, je dichter und vielfältiger die Beziehungen im Stamm werden. Colearning leidet auch nicht an der Komplexität der Welt, weil es nicht versucht, die Welt nachzubilden, sondern in sie hinein geht und sie für das Lernen erschliesst.
Colearning lässt sich auch so einordnen:
- Extraktiv (Die Erschöpfung des Selbst): Das Subjekt betrachtet seine Talente als Rohstoff, der für Abschlüsse und Karrieren „abgebaut“ werden muss. Lernen fühlt sich an wie Raubbau an der eigenen Neugier, um Erwartungen zu erfüllen. Am Ende steht das Zertifikat, aber die innere Begeisterung ist ausgebrannt.
- Nachhaltig (Die Selbstbehauptung): Das Subjekt lernt ressourcenschonend und versucht, die eigene Motivation stabil zu halten. Man lernt nur das Nötigste („Just-in-Case“), um nicht den Anschluss zu verlieren, während man die eigene Energie für das „wahre Leben“ ausserhalb der Bildung schützt.
- Regenerativ (Resonanz & Gabe): Das Subjekt begreift das eigene Lernen als Beitrag zur Lebensfähigkeit des Ganzen. Durch das Sichtbarmachen der eigenen "Beute" und "Lernschätze" (digitaler Garten, Schatzhebung) speist es wertvolle Erkenntnisse in den gemeinschaftlichen Erfahrungsschatz zurück. Das Subjekt wächst dadurch, dass es das Ökosystem (den Stamm) fruchtbarer macht. Lernen ist hier ein Akt der Grosszügigkeit, der die Ressourcen der Gemeinschaft (Wissen, Mut, Inspiration) vermehrt, statt sie nur zu verbrauchen.
Weiterführende Literatur & Quellen
- Ivan Illich: Entschulung der Gesellschaft (Kritik an den Kosten der Institutionalisierung).
- Sarah Blaffer Hrdy: Mothers and Others (Konzept des Allomothering und kooperativer Aufzucht).
- Jean Lave & Etienne Wenger: Situated Learning (Lernen als soziale Praxis, “Legitimate Peripheral Participation”, “Communities of Practice”).
- Marco Jakob: Schule in der Taylorwanne (Dynamikrobustheit / Komplexität).