Lernort im Tösstal

Lernort im Tösstal

Colearning im Wald und im Wohnzimmer

Tösstal, Schweiz Seit 2025

In Rikon im Tösstal (nahe Winterthur) haben Jonatan und seine Frau Steffi ihr Haus, ihren Garten und den umliegenden Wald in einen Lernraum verwandelt. Sie holen Colearning zurück in seine ursprünglichste Umgebung: die Familie, den Garten und die Nachbarschaft.

Draussen: Co-Regulation am Feuer

Nirgendwo greift das Lernen durch Beobachten und Mitmachen (LOPI) so natürlich wie draussen. Ein Beispiel aus der Praxis zeigt die Kraft der wortlosen Führung: Eine Gruppe von 20 Kindern und Jugendlichen kommt im Wald an. Es herrscht Chaos, Rufen, Unruhe. Ein Lehrer alter Schule würde jetzt pfeifen und Regeln erklären. Jonatan macht das Gegenteil. Er sagt nichts. Er beginnt einfach, Rucksäcke zu ordnen, eine Plane zu spannen und ein Feuer zu entfachen. Er kocht. Die Wirkung ist verblüffend: Nach und nach docken die Kinder an, kommen zum Feuer, helfen mit dem Holz und werden ruhig. Das ist Co-Regulation durch Vorleben. Die Natur und die echte Tätigkeit strukturieren die Gruppe, nicht der Stundenplan.

Im Tösstal werden keine "Lernsituationen" simuliert. Die Aufgaben stellt die Jahreszeit.

  • Ernten & Verarbeiten: Wenn der Lavendel blüht, wird nicht ein Arbeitsblatt über Lavendel ausgefüllt. Man sitzt eine Stunde in der Sonne, trennt Blüten von Stängeln, riecht, fühlt und verarbeitet die Ernte. Jonatan nennt das Slow Learning – tiefes Eintauchen in eine echte Handlung.
  • Bauen & Schlafen: Die "Jagd" kann bedeuten, ein Nachtlager unter einem Tarp zu bauen und draussen zu schlafen – mit allen Geräuschen und der echten Kälte der Nacht. Hier lernen Kinder, Jugendliche und Erwachsene, sich ihren Ängsten zu stellen und Vertrauen in die eigene Widerstandskraft zu fassen. "Draussen sein ist jedes Mal anders", sagt seine 6-jährige Tochter. Die Natur verhindert Routine und zwingt zur ständigen, wachen Anpassung.

Drinnen: High-Tech und Handwerk

Doch das Prinzip "Beobachten und Mitmachen" endet nicht an der Terrassentür. Drinnen warten andere Werkzeuge, aber die Haltung bleibt gleich.

  • Technik-Souveränität: Eine 16-jährige Colearnerin will einen Pullover bedrucken. Jonatan hat einen Plotter, weiss aber nicht, wie man ihn bedient. Statt zu belehren, wird er zum Komplizen im Nicht-Wissen. Gemeinsam nutzen sie ChatGPT und YouTube-Tutorials, scheitern bei Tests und feiern den Erfolg, als der Druck gelingt. Die "Jagd" nach der Lösung findet hier digital statt.
  • Handwerk & Symbole: Eine alte Nähmaschine steht nicht im Schrank, sondern griffbereit auf dem Tisch. Sie ist eine Einladung (Affordance). Ein Kind beginnt natürlich zu nähen, weil das Werkzeug verfügbar ist und sie es bei anderen sieht. Oder es werden "Eulen" gebacken, weil eine Geschichte vorgelesen wurde – der Impuls kommt aus dem Moment (Pull), nicht aus dem Plan.

Ob am Lagerfeuer oder am Laptop: Die Erwachsenen sind Lernkultivator:innen und damit “Gärtner der Neugier”, die echte Aufgaben ermöglichen. Und sie sind Colearner:innen, die selbst ins Lernen eintauchen.

Radikale Ökonomie: Präsenz statt Geld

Auch ökonomisch geht der Lernort neue Wege (siehe Kap. oben zur Ökonomie des Schenkens). Statt hoher Gebühren gilt die Währung Präsenz. Die Erwachsenen zahlen mit ihrer Lebenszeit. Eltern sind nicht Kunden, die ihr Kind abgeben, sondern werden zu Lernkultivatoren. Sie gärtnern mit, kochen am Feuer oder lernen selbst etwas Neues – und ermöglichen so den Betrieb. Jonatan und Steffi verzichten auf Löhne und decken lediglich die Kosten für Essen und Material. Das entlastet das Sytem von finanziellen Druck und schafft maximale Beziehungsdichte (Stamm).

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